| Neue
Rhein Zeitung vom 12.08.2010

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Die goldene Brücke zum Tourismus
Altenbeken ist ein kleiner Ort mit einem großen Bahnhof
zum Umsteigen. Doch Aussteigen lohnt sich auch
Von Stephan Hermsen
Altenbeken. Sehenswürdigkeiten, die man jeden Tag vor
Augen hat, nimmt man irgendwann nicht mehr wahr. So ähnlich
muss es auch den Altenbekenern ergangen sein. Sie haben erst
vor wenigen Jahren gemerkt, welchen Schatz sie da heben mit
diesem riesigen Trumm von einer Eisenbahnbrücke, der
sich seit 1853 über ihr Dorf schwingt.
Auf ihr führt hoch über dem Dorf die „Mitte-Deutschland-Verbindung“.
Zugegeben, das klingt noch nach Interzonenzug, aber heute
kann man sogar mit dem Intercity herfahren. In zwei Stunden,
direkt von Duisburg oder Essen nach Altenbeken. Tut allerdings
kam jemand – und das ist ein Fehler.
Denn Altenbeken kennen bislang fast nur jene, die sich Pufferküsser
nennen und auch wissen, wo Treuchtlingen, Mühldorf oder
Meinigen liegen. Menschen, die ihr Herz an die Eisenbahn verloren
haben und kleine Städte mit großen Bahnhöfen
lieben. So wie Altenbeken.
Willkommen im fernen Osten
Also, stiegen wir aus in Altenbeken. Obwohl der Bahnhof dafür
nicht gemacht ist. Er ist nämlich ein Inselbahnhof. Und
das ist im Eisenbahnerdeutsch keine Station wie Lummerland
Hauptbahnhof. Sondern es bedeutet: Das Bahnhofsgebäude
liegt von Gleisen umringt als Insel zwischen lauter Schienensträngen.
Altenbeken ist für Umsteiger gedacht, weniger für
Aussteiger und so verlassen wir den Bahnhof durch eine Art
Mauseloch und stehen vor dem Ortskern des Dörfchens mit
seinen rund 9000 Einwohnern. Da sind dann allerdings Buke
und Schwaney hinter den nächsten Hügeln schon mit
eingerechnet.
Tja, herzlich willkommen im fernen Osten Nordrhein Westfalens.
Wer der Sonne entgegenreist, dem kommen sie in die Quere,
die dunkel bewaldeten Hügel hinter Paderborn –
das Eggegebirge ist das grüne Hindernis auf dem Weg nach
Kassel und Thüringen. Ein Hindernis, das zum Ziel werden
möchte: Das Eggegebirge ist gemeinsam mit dem Teutoburger
Wald der größte Naturpark in NRW.
Doch vor 160 Jahren fuhr der Höhenzug den Eisenbahnern
in die Parade, als sie ihre Strecke von Hamm nach Kassel in
weiten Schleifen das vermaledeite Gebirge erklimmen ließen.
Das verschlafene Bauerndorf namens Altenbeken, in dem auch
mal ein wenig Eisen verhüttet wurde, ließen sie
rechts liegen, trotz der riesigen Brücke. Das Dorf bekam
nicht einmal einen Bahnhof. Der kam erst gut zehn Jahre später
in diese vergessene Ecke, als eine zweite Strecke mit einem
1600 Meter langen Tunnel durch den Berg geschlagen war und
sich weitere Bahnen anschlossen Richtung Weser, nach Hannover,
Herford, Osnabrück.
Am Rande des kleinen Dorfes entstand ein Umsteigebahnhof.
Und ein Betriebswerk für die Dampfloks, die hier Kohle
und Wasser aufnahmen und repariert wurden. Dazu mussten Stellwerke
besetzt und Schrankenwärter eingestellt werden, man brauchte
Lokführer, Schaffner, Streckenwärter – die
Bahn wurde zum Jobmotor für das Örtchen.
Mittlerweile hat sich die Bahn wieder rar gemacht. Noch immer
ist Altenbeken Intercity-Halt mit Direktverbindungen nach
Berlin, Erfurt, Köln, Stralsund. Mit einer S-Bahn nach
Hannover. Aber die Züge stoppen nur kurz und fahren dann
wieder weiter. Der Bahnhof ist eine einsame Insel.
Doch die Gemeinde Altenbeken hat mittlerweile erkannt, dass
sich durch die Bahn Geld verdienen lässt. Dass da schon
mal Opas mit Enkeln kommen und ganze Familien, um die Brücke
zu bestaunen. Und so hat Altenbeken am Ende doch noch begriffen,
dass der größte Kalksandsteinviadukt Europas eine
Sehenswürdigkeit ist. Alle zwei Jahre holt man die Dampfloks
wieder her, und Scheinwerfer lassen die Brücke abends
in goldenem Licht erstrahlen.
Friedrich-Wilhelm hätte sie lieber in Gold gesehen
So wollte es vermutlich 1853 der preußische König
Friedrich-Wilhelm haben, der zur Einweihung nach Altenbeken
kam und angesichts des Kalksandsteintrumms und der Baukosten
moserte: „Ich habe geglaubt, eine goldene Brücke
vorzufinden, weil so schrecklich viele Taler verbraucht worden
sind!“
Für den kleinen Ort mit den vielen Bahnpensionären
– von neun Altenbekenern ist nur noch einer sozialversicherungspflichtig
beschäftigt – ist der Viadukt als Touristenattraktion
die goldene Brücke in die Zukunft. Altenbeken will schließlich
nicht zur Endstation werden.
Naturpark
Teutobuger Wald /Eggegebirge
Altenbeken
liegt am Südwestende des Naturparks Teutoburger Wald/Eggegebirge,
der 1965 gegründet wurde und seit 2008 mit 2711 Quadratkilometern
der größte in NRW ist. Auf Wanderwegen über
insgesamt rund 2000 Kilometer kann man ihn durchstreifen,
dabei der europäischen Wildkatze begegnen und Sehenswürdigkeiten
wie die Externsteine, Hermannsdenkmal oder das Kloster Corvey
besuchen. Dann ist man allerdings schon in Niedersachsen.
Berühmt
sind auch die Badeorte Salzuflen, Driburg, Meinberg. An Quellen
und Bächen ist die Region reich. Die werden allerdings
oft auch frisch aufgefüllt…
Überlaufen
ist der Naturpark nicht: Auf dem bis zu dreißig Kilometer
langen weltweit einmaligen Viaduktwanderweg (keine Bange,
es gibt Abkürzungen) hat man den gut ausgeschilderten
Weg oft für sich allein. Festes Schuhwerk ist zu empfehlen,
ab und zu muss man schnaufend wie eine alte Dampflok eine
kleine Steigung nehmen, dann aber geht’s wieder sanft
auf und ab durch bewaldete Hügel.
Hier
und da öffnet sich die Landschaft, lässt Blicke
frei auf Wolkengebirge, Windräder und immer wieder den
Viadukt. Mit der Zuverlässigkeit von Bahnstationen tauchen
auch hier alle paar Kilometer Wirtshäuser auf.
© 2010 Neue Rhein Zeitung, Donnerstag,
12. August 2010
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